Kategorie: Helmut Qualtinger

Helmut Qualtinger (1928–1986) ist weit mehr als eine Figur der österreichischen Theatergeschichte – er ist bis heute das vielleicht schärfste künstlerische Gewissen, das dieses Land hervorgebracht hat. Seine Darstellungskunst gründete in einer österreichischen Tradition, die mit den Namen Nestroy und Karl Kraus gekennzeichnet ist, und er war einer der wenigen, die ernsthafte und Unterhaltungskultur in einer Person vereinigten.

Mit dem Kabarett der 1950er Jahre – legendären Programmen wie „Brettl vorm Kopf" oder „Hackl ins Kreuz", entstanden gemeinsam mit Gerhard Bronner, Carl Merz und Michael Kehlmann – schuf er eine neue, bissige Sprache der Gesellschaftskritik, die den Wiener Dialekt vom Ruf des Unkultiviertsein befreite und ihn als Instrument politischer Präzision etablierte. Der Durchbruch kam 1961 mit „Der Herr Karl": Mit dem Monodrama stellte Qualtinger den Durchschnittsbürger als Mittäter dar – in Bezug zur These von der „Banalität des Bösen" nach Hannah Arendt – und wurde damit über Nacht berühmt; der Herr Karl wurde zur Kultfigur. Der Bildhauer Alfred Hrdlicka brachte Qualtingers Wirkung auf den Punkt: er habe den Leuten den Spiegel vorgehalten, sie hätten sich darin gesehen, sich aber nicht erkannt – bei aller Volkstümlichkeit blieb Qualtinger der aufsässige Intellektuelle. 

Sein Witz war nicht ohne Bitterkeit, und er war einer derjenigen, die das kulturelle Leben Österreichs liberalisiert und freier gemacht haben – ohne ihn hätte vieles, das man heute ganz selbstverständlich durchschaut, noch gar kein sofort erkennbares Gesicht.

Preiser Records hat einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dieses Werk für die Nachwelt zu bewahren: Aufnahmen der Travnicek-Dialoge mit Gerhard Bronner, die Kabarett-Programme, Karl-Kraus-Lesungen sowie seine berühmten Rezitationen aus Hitlers „Mein Kampf" sind im Katalog des Labels dokumentiert und machen Qualtingers Stimme auch heute noch zugänglich. Geblieben ist die Erinnerung an einen großen geliebt-gehassten Österreicher, der diesem Land zwar verhaftet war, sich jedoch stets wie ein Fremder darin fühlte – und genau darin liegt seine bleibende Aktualität: Qualtinger spiegelt ein Österreich, mit dem die Auseinandersetzung nie abgeschlossen ist.

Helmut Qualtinger